Bilder zur aktuellen Lage werden wir hier keine zeigen, auch wenn diese in kaum zu überbietender Grausamkeit auf unseren Handys gespeichert sind, da sie uns täglich über Kameruner Freunde zugeschickt werden. Aber gerade wegen der drastischen Gewalt verzichten wir bewusst auf die Darstellung toter und verstümmelter Menschen. Auch ohne solche Bilder zu zeigen, wird, so denken wir, der Ernst und die dramatische derzeitige Lage mehr als deutlich.
Seit über zwei Jahren ist in Kamerun nichts mehr wie es war. 2016 streikten die Lehrer und Richter der englischsprachigen Regionen monatelang, um sich gegen eine Ungleichbehandlung zu wehren. Durch die gewaltsame Niederschlagung des Streiks durch das Militär und einer dreimonatigen Lahmlegung des Internets weitete sich der Aufstand zu einem Bürgerkrieg aus. Rufe nach einer Abspaltung und einem freien Staat (Ambazonia) wurden laut, neben „wütenden und desillusionierten Jugendlichen“ meldeten sich zunehmend Separatisten zu Wort und die Gewalt eskalierte zunehmend.
Warum gibt es diesen Konflikt überhaupt?
Bis nach dem ersten Weltkrieg war Kamerun deutsche Kolonie und wurde 1919 dann in britisches
(ein Fünftel des Landes– orange markiert) und französisches Mandatsgebiet aufgeteilt. 1960/61 wurde die Unabhängigkeit erklärt und in einer Volksabstimmung entschieden, dass sich die
englischsprachigen Teile Kamerun und nicht Nigeria anschließen. Seither gibt es zwei offizielle Amtssprachen in Kamerun – englisch und französisch.
Dennoch fühlen sich die englischsprachigen Regionen (Nord-West- und Süd-West-Region, Heimat von etwa 5 Millionen Menschen) seit Anfang an strukturell
benachteiligt. Es gibt kaum wirtschaftliche Investitionen in diesen beiden Regionen, die Infrastruktur ist sichtbar deutlich schlechter als in den frankophonen Teilen Kameruns und das Schul-
und Universitätssystem sowie das Rechtssystem sind französisch strukturiert. Ein deutliches Beispiel, wie die Menschen als „Bürger zweiter Klasse“ auch ganz offiziell behandelt werden, ist die
Geringschätzung von Seiten der Politik. Wenn der 85-jährige Präsident Paul Biya, der seit 35 Jahren an der Macht ist, eine Rede an „sein Volk“ hält, so spricht er Französisch. Die Rede wird im
Fernsehen dann erneut abgespielt und auf Englisch untertitelt (schriftlich
Die Lage eskalierte also vor etwa zwei Jahren. Seitdem herrscht offiziell Krieg im Land (Aussage des Präsidenten selbst), das Militär ist insbesondere in Bamenda, der Hauptstadt der englischsprachigen Regionen, stationiert. Immer wieder finden sogenannte „Ghost Towns“ (Generalstreiks) statt, bei denen tagelang das wirtschaftliche und öffentliche Leben still steht. Staatliche Sicherheitskräfte zerstören ganze Dörfer, brennen diese nieder und sind für Tötungen und Folter verantwortlich. Mehr als 40.000 Menschen sind bereits nach Nigeria geflohen und haben dort Asyl beantragt. Mehrere 100.000 Menschen sind innerhalb des Landes als Vertriebene anzusehen. Bewaffnete Separatisten gehen mit Gewalt auch gegen die eigene Bevölkerung vor und haben mehr als 40 Schulen angegriffen, da sich diese nicht an einem von ihnen angeordneten Boykott beteiligt hatten. Schulunterricht kann daher nicht stattfinden, Lehrer wurden erschossen, Kirchenoberhäupter hingerichtet oder inhaftiert, willkürliche Festnahmen und selbst das Töten von Frauen und Kindern ist an der Tagesordnung.
Maschinengewehre kämpfen gegen Macheten, Soldaten gegen Separatisten und die Zivilbevölkerung ist mitten drin. Jeden Tag wird von vielen Toten berichtet, mehrere hundert Tote sind mittlerweile auch offiziell bestätigt. Sister Ann musste vor ihrer Abreise nach Deutschland beinahe täglich einen Freund, Verwandten oder Bekannten zu Grabe tragen, eine ganz schlimme Erfahrung, die sie sichtbar zeichnete!
Was bedeutet das für das Kinderheim Garden for Education and Healing?
Das Kinderheim liegt ein klein wenig außerhalb von Bamenda (Upstation – auf dem Hügel, also oberhalb der Stadt), was zunächst einmal sehr gut ist, da die Kinder so nicht mitten im Chaos der Stadt leben.
Leider hat sich in diesem Viertel jedoch, in dem vor wenigen Jahren außer dem Kinderheim nur ein paar muslimische Nachbarn lebten, das Militär niedergelassen. Soldaten bewohnen alle umgrenzenden Häuser und sogar das Hauptquartier der Armee ist nur wenige Häuser entfernt stationiert. Darüber hinaus haben sich die Separatisten, viele junge Männer, mit Macheten bewaffnet, in die Wälder rund um das Waisenhaus zurückgezogen.
Da das Heim über eine recht große Fläche verfügt und rings um das Heim alles mittlerweile sehr „zugebaut“ und eingefriedet ist, liefern sich Soldaten und Separatisten nun auf dem offenen Gelände des Kinderheims Gefechte. Schüsse fallen im „Garten“ der Kinder, nachts schlafen alle Kinder gemeinsam im Wohnzimmer, um nah beieinander zu sein. Die Hunde können das Grundstück nicht bewachen, da sie umgebracht werden, wenn sie aus ihrem Zwinger gelassen werden (ein paar Hunde mussten schon sterben) und alle Habseligkeiten wie Essen und Töpfe müssen nachts sicher verschlossen werden, da diese sonst am nächsten Morgen fehlen. Die Gefahr ist allgegenwärtig! Die folgenden Google-Earth-Aufnahmen zeigen die Lage:
Der gelb markierte Teil zeigt etwa die Fläche des Grundstücks. A zeigt die Seite zur Straße, dem Eingang zum Heim. Hier wohnen Soldaten entlang der Straße, alle Häuser sind von hohen Mauern umgeben. Seite B ist nur zu einem Teil bewohnt, je weiter sich das Gelände in Richtung C erstreckt, umso steiler und abschüssiger wird das Gelände. Seite C des Grundstücks besteht aus hohen Felsen, die in einem dichten, unbesiedelten Wald münden, in den sich die Separatisten zurückgezogen haben. Seite D ist derzeit unbewohntes Gelände, ebenfalls dicht bewaldet.
Das gesamte Gelände ist, wie bereits erwähnt, nicht eingezäunt. Vor einigen Jahren haben wir schon mit dem Bau des Zauns begonnen bzw. einen bereits existierenden Teilabschnitt entlang der Hauptstraße weitergebaut. Da zwischenzeitlich jedoch dringliche Zahlungen für Schulgebühren, Essen und anderes anstanden, konnte leider nicht weitergebaut werden, sodass zwar momentan entlang der Hauptstraße ein paar Zaunelemente stehen, diese jedoch nicht verbunden sind. Die anderen drei Seiten des Grundstücks stehen offen (rot = bestehende Zaunelemente).
Wir haben viel mit Sister Ann und Geraldine diskutiert und uns überlegt, wie wir als Verein helfen können, neben selbstverständlich wichtigen Nothilfen, die wir auch in den letzten Monaten immer wieder geschickt haben (Essen, Kosten für einen Hauslehrer, Dünger um selbst Essen anzubauen…). Durch die Problematik mit dem nicht-eingezäunten Grundstück besteht eine große Gefahr durch die Kämpfe auf dem Grundstück (insbesondere nachts), außerdem entstehen dadurch weitere Probleme: es wird Landraub betrieben (Nachbarn bauen auf dem Gelände des Heims bereits Häuser!) und Wasser wird ungefragt entnommen (das Kinderheim besitzt eine von zwei Quellen im Viertel und teilt sein Wasser gerne mit der Nachbarschaft, allerdings muss das kontrollierter geschehen, da es sonst dazu kommt (was leider schon passierte), dass das Wasser von Soldaten genommen wird und für die Kinder im Heim dann nicht mehr ausreicht).
Daher stand schnell fest: ein Zaun muss gebaut werden, der das gesamte Grundstück umfasst. Es fehlen etwa 750m Zaun (inkl. Toren), um das Gelände sicher einzugrenzen und die Kinder so vor Übergriffen schützen zu können. Wie auf dem Bild zu erkennen ist, wird der Zaun etwa so aussehen (das ist der bereits existierende Teil entlang der Straße). Auf einer etwa 50cm hohen Steinmauer werden zwischen Betonpfeilern Zaunelemente aus stabilem Vierkant-Stahlrohr montiert. Diese sind etwa 1,70m hoch, sodass der Zaun hoch und stabil genug gegen Eindringlinge ist, ohne (wie bei den Nachbarn üblich), das Gelände mit meterhohen Steinmauern abzuschotten. Sollte es aus Sicherheitsgründen nötig werden, bleibt so auch die Option, zusätzlichen Nato-Draht auf dem Zaun zu befestigen. Da insbesondere nachts Übergriffe stattfinden, wird es nach Aussagen von Sister Ann möglich sein, tagsüber in Sicherheit auf dem Gelände zu bauen.
Gemeinsam mit Sister Ann und ihren Arbeitern vor Ort in Kamerun haben wir in den letzten Tagen die Zahlen für den Bau der restlichen 750m Zaun zusammengetragen, die wir Euch hier auflisten.
Da nicht abzusehen ist, wie sich die politische Situation weiterhin verändert und es schon heute nicht möglich ist, die Materialien aus dem französischsprachigen Teil Kameruns zu beziehen, sondern diese aus Nigeria beschafft werden müssen, können teilweise drastische Preisanstiege für Materialien anfallen. Auch das Arbeiten unter diesen erschwerten Bedingungen ist möglicherweise letztlich etwas teurer, sodass wir mit einem Betrag von 45.000-50.000€ rechnen müssen, um den Bau sicher fertigstellen zu können.
Uns ist natürlich bewusst, dass diese Summe für einen so kleinen Verein wie den Förderverein GEH wahnsinnig hoch ist! Selbstverständlich können wir diesen Betrag „nicht einfach aus dem Ärmel schütteln“, sondern müssen gezielt Werbung machen, Spenden sammeln und Gelder beantragen. Jede noch so kleine Spende hilft den Kindern vor Ort!
Um aber für unvorhergesehene Ereignisse wie Essensknappheiten, medizinische Notfälle oder die schulische Bildung der Kinder (Hauslehrer) gerüstet zu sein, werden wir darauf achten, dass wir immer einen ausreichend hohen Grundstock auf dem Konto behalten. Sobald darüber hinaus jeweils 5.000€ zusammen kommen, werden wir dies an Sister Ann schicken, sodass der Bau des Zauns so bald wie möglich begonnen und kontinuierlich weitergeführt werden kann. Denn je schneller der Bau beginnen kann, umso sicherer sind die Kinder. Wir werden deshalb zunächst mit der Fertigstellung von Seite A beginnen, um dann Seite B zu sichern.
Daher wenden wir uns an Euch mit der Bitte, diesen Bericht und die Informationen an Freunde und Bekannte weiter zu geben. Erzählt von der politischen Lage und der daraus resultierenden Gefahr durch den fehlenden Zaun und bittet um Mithilfe und Unterstützung für die Kinder.
Aktuell sind wir am überlegen, wie wir das Projekt bewerben können und welche Firmen wir gezielt für Spenden anfragen. Wenn Ihr hier Ideen und Vorschläge habt, gebt uns doch bitte Bescheid, dann nehmen wir Kontakt auf und versuchen unser Glück 😊.
Wir bedanken uns bei Euch für Euer Vertrauen und Eure Unterstützung und freuen uns darauf, mit Euch gemeinsam dieses wichtige Projekt für die Sicherheit der Kinder anzugehen.

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